10.09.17

Die Petrikirche bekommt endlich wieder einen Eigentümer

Seit 25 Jahren war die Frage offen, wer der Eigentümer der St. Petrikirche werden soll, deren hoher Turm die Altstadt von Riga überragt und die ein kulturhistorisches Denkmal für ganz Lettland ist. Bis zu der Zeit vor der Okkupation waren die Verhältnisse klar: die Petrikirche war das Zentrum der deutschen Gemeinden der Lettischen Lutherischen Kirche und Sitz ihres deutschen Bischofs. So verzeichnet die letzte Eintragung in das Grundbuch die deutsche St. Petrigemeinde als Eigentümerin der Kirche.

Wer diese Aufgabe nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Lettlands endgültig übernehmen soll, war lange Zeit unklar. Verwaltet wurde die Petrikirche als ein Museum, als ein Tourismusobjekt und als Ort für Konzerte von der Stadt Riga. In der Saeima, dem lettischen Parlament, gab es schon einige vergebliche Versuche, diese Frage durch ein Gesetz zu klären. Im jüngsten Anlauf zur Klärung dieser Frage hat die Deutsche Evang.-Luth. Kirche in Lettland (DELKL) gemeinsam mit der Lettischen Evang.-Luth. Kirche im Ausland (LELKiA) den Vorschlag eingebracht, dass die Petrikirche in das Eigentum einer Stiftung übergehen sollte, die von der Lettischen Evang.-Luth Kirche (LELK), der DELKL, der LELKiA und der Stadt Riga gemeinsam getragen wird. Der Ausschuss für Wissenschaft, Kultur und Bildung, der in der Saeima für die Beratung dieses Gesetzesprojekts zuständig ist, hat diese Idee aufgegriffen und hat eine Arbeitsgruppe mit den Beteiligten eingerichtet. Über die Sommerpause erhielten die lutherischen Kirchen den Auftrag, eine gemeinsame Lösung für die Eigentumsfrage der Petrikirche zu finden, der möglichst alle zustimmen können.

Bald wurde deutlich, dass die LELK sich keine gemeinsame Stiftung mit den beiden anderen lutherischen Kirchen vorstellen kann. Sie hat in den Gesprächen aber einen anderen, überraschenden Vorschlag eingebracht, der die historischen Vor-Kriegs-Verhältnissse wieder herstellt: die deutschen Gemeinden sollen wieder einen autonomen Teil innerhalb einer gemeinsamen Lettischen Lutherischen Kirche bilden. In diesem Rahmen könnte dann die Petrikirche in das alleinige Eigentum der deutschen Gemeinde übertragen werden.

Diese Idee war deshalb so überraschend, da bekannt ist, dass es in einigen wichtigen Bereichen theologische Unterschiede zwischen der DELKL und der LELK gibt. So wird z.B. die Frage, ob Männer und Frauen gleichberechtigten Zugang zum geistlichen Amt haben, also die Frage der Frauenordination, in beiden Kirchen unterschiedlich beantwortet. Die LELK erklärte, dass man solche gegensätzlichen theologischen Positionen akzeptieren könne und dass sie einer Vereinigung beider Kirchen nicht im Wege stehen sollten. Wenn die Autonomie der deutschen Gemeinden und ihre Eigenständigkeit gewährleistet wird, so kann sich die DELKL durchaus vorstellen, dass sich die Lutherischen Kirchen in Lettland wieder unter einem Dach vereinigen.

Die LELK und die DELKL haben daher vereinbart, weiteren Gespräche dazu auf der Grundlage der Kirchen-Verfassung von 1928 und der darin festgestellten Rechte der autonomen deutschen Gemeinden zu führen, sowie unter Berücksichtigung der damaligen historischen Erfahrung, wie auch unter Bezug auf die aktuellen Verfassungen beider Kirchen.

Diese Gespräche sollen zügig geführt werden, damit die zuständigen Gremien beider Kirchen die notwendigen Beschlüsse und Änderungen ihrer jeweiligen Verfassung noch so vornehmen können, dass die Saeima im Sommer 2018, rechtzeitig zum 100-jährigen Jubiläum der Gründung der Republik Lettland, einen endgültigen Beschluss dazu fassen kann und die Petrikirche damit wieder einen Eigentümer erhält. Auch wenn die deutsche St. Petrigemeinde dann, wie vor dem Krieg, der Hausherr sein wird: die Petrikirche wird allen lutherischen Gemeinden offen stehen, sie wird ein Ort der Ökumene sein, ein offener Ort für Besucher und Einheimische, ein Ort der Begegnung, für Musik und Kultur, der Gott und den Menschen dient.